Freizeit – ein Sklaventreiber der modernen Zeit

Ein Beitrag über die Zeit und die Kunst das Leben in einen Zustand innerer Zufriedenheit statt ständiger Betriebsamkeit zu verwandeln.

Intro

Es ist Freitagabend – Eigentlich müsste ich heute Abend ausgehen, das Tanzbein schwingen, einfach das Leben genießen und Spaß haben. Stattdessen sitze ich verbissen an meinem Schreibtisch und versuche mir angestrengt die letzten Seiten meines Skriptes einzuflößen. Eine richtige Lernpause habe ich mir schon eine Weile nicht mehr gegönnt, denn die Zeit bis zur Klausur ist knapp und mein vom Perfektionismus getriebenes Ich strebt nach dem Maximum.

Zwei Stunden später sitze ich an meinem Schreibtisch und resigniere, weil mein Gehirn „die Türen geschlossen“ hat und die allzu wichtigen Informationen keinen Einlass mehr finden. Wiederum drei Tage später ertappe ich mich abends dabei, wie ich frustriert mein Skript auf meinen Schreibtisch werfe. Es dauert eine Weile bis es mir dämmert. Ich frage mich, wann ich mir in dieser tagelangen Lernphase Pausen eingeräumt habe. Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich streife mir mein Lauf-Shirt über, ziehe mir eine Jogginghose an, schlüpfe in meine Sportschuhe und renne los. Als ich von der Laufrunde zurückkehre sind der Frust und die Zweifel verflogen und ich bin wieder gefestigt. 

Sport ist mein „Isolierband“.

In John Streleckys Werk „Auszeit im Café am Rande der Welt – Eine Wiederbegegnung mit dem eigenen Selbst“ dient das Isolierband als Metapher. Es sorgt dafür, dass zwei ineinander geschraubte Rohrelemente wasserdicht abschließen und nicht etwa lecken. Das elastische, nahezu unscheinbare Isolierband dient als Verbindung, um die winzigen Lücken zu füllen. Es ist eine Verbindung, die einen Ausgleich zwischen Freizeit und gebundener Zeit darstellt.

Zeit, Freizeit, Müßiggang

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Apropos Freizeit – Was ist das eigentlich?

Wenn man die Menschen fragt, was das Gegenteil von Arbeit ist, dann antworten viele von uns auf diese Frage mit „Freizeit“. Doch oftmals hat Freizeit nicht wirklich etwas mit freier Zeit zu tun. 

Neben unserer gebundenen Zeit verbringen wir unsere Freizeit mit einer Vielzahl von Aktivitäten: Wir gehen zum Sport, erledigen den Haushalt, verabreden uns zum Kaffee, gehen ins Museum oder hetzen abends noch ins Kino. Freizeit ist eine sehr angefüllte Zeit, deren Sinn wir oftmals verfehlen. Für Ricardo Semler, ein brasilianischer Unternehmer und international gefragter New-Work-Guru, ist das Gegenteil von Arbeit Müßiggang.

Müßiggang (von mittelhochdeutsch müezec gân, müßig gehen, untätig sein, nichts tun, […])[…] kann jedoch auch das reine Nichtstun bedeuten. - Wikipedia

Aktives Nichtstun fällt vielen schwer. Statt in der freien Zeit die Füße hochzulegen hangeln wir uns von einem Event zum nächsten und werden zu Sklaven unserer ellenlangen To-Do-Listen. Jede freie Minute wird ausgenutzt und plötzlich fühlt sich unser durchgetaktetes Spaßprogramm fast schon wie Stress an. Wir haben verlernt das „Nichtstun“ auszuhalten. Und die Ruhelosigkeit wird durch die digitalen Medien verstärkt. Die immerwährende Verfügbarkeit und der konstante Informationszufluss wirken sich auch auf unser Verhalten und im schlimmsten Fall negativ auf unsere Gesundheit aus. Manchmal kommt es mir so vor als ob Stress in unserer Gesellschaft mittlerweile schon zur Normalität geworden ist – es gehört zum menschlichen Leben dazu gehört wie die Luft zum Atmen. 

Ricardo Semler

Auch für einen Unternehmer wie Ricardo Semler ist Stress und ein voller Terminkalender nichts Außergewöhnliches. Da viele seiner Familienmitglieder an Krebs erkrankt sind, hatte er sich vor einiger Zeit selbst hin und wieder die Frage gestellt, wie er mit solch einem Befund umgehen würde. Er fragte sich, was er wohl anstellen würde, wenn seine Tage gezählt wären und ob er dann überhaupt noch körperlich in der Lage wäre, die Dinge auf seiner Bucketlist abzuhaken. Wer mehr erfahren möchte, kann sich diesen TED-Talk ansehen.

All diese Grübelei brachte ihn dazu sogenannte „Terminal Days“ einzuführen – was man im Deutschen mit den nur begrenzt verbleibenden Tagen in einem Menschenleben übersetzen kann. Niemand sehnt seinen Todestag herbei, aber Ricardo sieht die selbst ernannten „Terminal Days“ eher als eine Chance die Zeit effektiv und vor allem bewusst zu nutzen. Er unternimmt an diesen Tagen all die Dinge, die ihn persönlich erfüllen und er schon immer einmal erleben wollte.

Nimm dir Zeit für dich selbst

Make Yourself A Priority

Das mag sich nun etwas verrückt anhören, aber wie oft erwische ich mich dabei Dinge, die mir Spaß machen und mich erfüllen, auf die lange Bank zu schieben!? In den letzten zwei Jahren habe ich einige Punkte, welche auf meiner Bucketlist stehen, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Ich bin ja schließlich noch jung und habe noch das halbe Leben vor mir. Dabei ist dies eine sehr schattenhafte Annahme, denn das Leben und die damit verbundene Lebensdauer ist nicht vorhersehbar. Der französische Schriftsteller hat das Phänomen unserer Zeit bereits vor nahezu 300 Jahren auf den Punkt gebracht.

In der ersten Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben, in der zweiten Hälfte opfern wir unser Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen. Und während dieser Zeit gehen Gesundheit und Leben von dannen.

Voltaire (1694 – 1778), französischer Philosoph der Aufklärung, Historiker und Geschichts-Schriftsteller

Dabei möchte ich an dieser Stelle betonen, dass ich keineswegs an der Arbeit und dessen Notwendigkeit zweifle. Vielmehr geht es um das Bestreben selbstverantwortlicher und bewusster mit seiner Freizeit umzugehen, sich davor zu bewahren sich in der Verrücktheit des Alltags zu verzetteln und die eigenen Bedürfnisse nicht einfach so beiseite zu schieben.

Quellen: Semler, R. (4428, Februar 10). How to run a company with (almost) no rules. Abgerufen 5. Februar 2020, von https://www.ted.com/talks/ricardo_semler_how_to_run_a_company_with_almost_no_rules/up-next

Ferriss, T. (2020, Januar 16). The Tim Ferriss Show Transcripts: Ricardo Semler (#229). Abgerufen 6. Februar 2020, von https://tim.blog/2018/06/05/the-tim-ferriss-show-transcripts-ricardo-semler/

Schlick, L. (2019, März 11). Mehr Freiheit als Schlüssel zum Erfolg. Abgerufen 10. Februar 2020, von https://www.capital.de/allgemein/ricardo-semler-eine-firma-mit-wenigen-regeln-zu-leiten-ist-nicht-so-schwer

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Nathalie Welle

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